Mein Sommer mit Marleen
Erzählungen

ch hatte noch immer nicht begriffen, dass es trotz ihres Lächelns kein Spiel war. Ich zog Sophie langsam von der Dachkante weg. Es schien geschafft. Wir waren erleichtert und also waren wir unvorsichtig. Plötzlich riss Sophie sich los, schlug einen Haken und rannte los. Sie brauchte nur wenige Schritte. Mit einem unterdrückten Schrei verschwand sie in der Tiefe.

Das Letzte was ich sah, waren die nachdrängenden Blicke der Gaffer gegenüber. Ihre entsetzten Gesichter hinter den klimadichten Scheiben. Stumm. Derbe Beamtenhände rissen mich weg. Ich zerrte, um ihnen zu entkommen und schaffte es, sicher umklammert, bis an den Rand des Daches. Ich wagte einen Blick nach unten. Dann schloss ich die Augen.

 

Weißt du noch, Sophie. Hier, auf diesem Dach und mitten in dieser Stadt, haben wir unendliche Nächte verbracht. Wir haben in uns reingekichert aus purer Schadenfreude. Wir haben uns vorgestellt, wie uns unsere Eltern dort unten im Gewühl der Straßen suchen würden. Wir waren allein mit uns. Wir hätten es den Rest des Lebens so allein ausgehalten. So, so war unsere Freundschaft. Wir waren Kinder. Bis damals, bis zu jenem letzten Nachmittag auf diesem Dach, damals vor zehn Jahren.

Plötzlich hörte ich das Summen von Bienen und Wespen. Sie schwirrten, aber mir dröhnte der Kopf. Ich blickte hinab. Mir schien, als lag Sophie noch immer dort, so klein und so weit unten. Kaum, dass ich sie sah. Ich habe sie geliebt.
Sie hat mich geliebt. Sie war meine beste Freundin. Sie hieß Sophie.
 

aus: Die Geschichte von Lisa & Sophie

 

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© Dietmar Haiduk 2019, Texte und Fotos