Inspiration

Liebe. Kotzen. Zweisamkeit.

 

Vielleicht ist Venedig ja jener Ort, an dem wir beide uns am ehesten so nah wie möglich sein könnten: weil wir beide dort, auf die Lagune schauend, Gleiches empfinden, Gleiches sehen, an Gleichem erfreuen und wohl auch auf eine gleiche Weise malen, schreiben, erleben würden. Es gibt keine andere Stadt, die einem so die Seele aus dem Leib saugt, mit Leben füllt und einem erneut injiziert. Diese Stadt macht frei von allem und lässt vergessen, sie macht zeitlos.
So, schwebend vor solcher Kulisse des Ewigen, wäre mir das Zeitloseste von allem, würde dieser Moloch, dieses riesige Maul Venedig uns beide auf einmal verschlingen.

 

Das wäre doch ein Grund, sich die Seele aus dem Leib zu lachen. Während wir mit baumelnden Beinen auf der Kaimauer unterhalb von Markusplatz, Löwensäulen und Dogenpalast sitzen und uns mit einer leckeren Gärung aus roten, venezianischen Trauben zuprosten. Bevor sich, wir beide längst tief berauscht, jener Schlund Venedigs langsam über uns öffnet.

 

Während Du aber wahrscheinlich noch immer für einen letzten Schabernack zu haben wärst: Noch einmal würdest Du augenzwinkernd Daumen und zwei Finger der rechten Hand einander legen, um sie mit einem leisen, zischenden Laut – Pssschhhhh – und unter sanftem Grinsen langsam in die Ferne auseinanderschnipsen zu lassen. So, wie es immer Deine Art war.

 

Erst dann würde sich Venedigs fratzenhafter Mund für immer über uns beiden geschlossen haben. Alles hier drinnen wäre nun einer dröhnenden Stille erlegen, umgeben von ignorantem Schwarz und unterbrochen von unser beider glucksenden Gekicher. Aber nichts würde uns ab diesem Moment noch auseinanderbringen können. Wir wären Freunde für immer. 

 

aus: Liebe. Kotzen. Zweisamkeit.

Sorgenvoll

 

1. Akt, 1. Szene
Ein Salon im Schloss Sanssouci
Mondlicht. Friedrich's Geist steht mitten im Raum.

 

Friedrich's Geist:
 

So steh’ ich hier.

Tagein, Tagaus.
Nachtein, Nachtaus.

Und sehne mich nach Stille.

Auf dass das Schlurfen all der Schuhe,

und alle Stimmen, alles Schreien

von denen, die sich Menschen nennen

mir nächtens wenigstens ersparet bleibt.

 

(Er lauscht in die Stille.)

Mir! Den doch die Spätgeborenen einst

den Großen nennen und den Zweiten.

Mich, Friedrich, König aller Preußen.

Zu huldigen mein Licht und Glanz und meine Zeit.

Und dem, was ich erschuf ein Leben lang.

 

(Er wendet sich an die Zuschauer.)

 

Seit Hunderten von Jahren tot, gewiss.

Doch lebend wohl, wer wolle das bezweifeln.

So stehe ich hier! Vor euch! Und fordere euren Blick!

Seht her: Die Arme weit zum Gruße euch geöffnet,

Und kenne alle doch, wie ihr dort unten sitzt!

Denn seh’ euch jede Nacht auf meinem Weg

durch dieses Schloss, das einst und immer noch

und fort für alle Ewigkeit allein nur mir gehöret.

 

Das ohne Sorgen einst gebaut und so bekam

den Namen auch in Stein gehauen:

Sans: ohne! Souci: die Sorgen!

Und wurde drum auch Sanssouci genannt.

Seht dieses Schloss! Steht prächtig da und trotzt

den Zeiten alle Zeit.

So wahr’s mich gibt. So wahr ich’s schwör!

 

Wär’ nicht da diese Welt am Tag. Da draußen.

Wär’ nicht der Lärm der anderen, neuen Zeit.

Wär’ nicht das Schloss voll fremdem, lautem Pack.

Kann ich nicht weiterleben, wie gewohnt und

müsst' nicht Sorgen machen mir um das,

was mir zu widerfahren droht.

 

(Er säubert den Salon von zurückgelassenem Unrat.)

 

Müsst‘ ich nicht mühsam, Nacht für Nacht,

die Spuren des Tages hier verwischen.

So wölbt sich meine Stirn auf meine alten Tage.

Und steht die Angst mir ins Gesicht geschrieben.

So ist es also Angst? Mein Gott!

Man heißt mich Geist und nicht Gefühl!

 

(Schnell ab.)


aus: Sorgenvoll

Bin ich linksextrem?


Die Zeitungen aufschlagend, kann ich dort immer wieder lesen: Politiker machen sich für ein Verbot schwarzer, uniformähnlicher Kleidung stark, um angesichts von Demonstrationen bessere Verbotsmöglichkeiten gegen Linksextreme zu haben.

 

Die drohende Stigmatisierung vor Augen, trinke ich meinen Tee hastig aus und reiße meinen Kleiderschrank auf. Zusammengezählt finde ich dort: 42 schwarze T-Shirts, 5 schwarze Pullover, 3 schwarze Kapuzenshirts, 6 schwarze Jacken (2 mit aufgesetzten Taschen und Schulterklappen), 7 schwarze Hosen (3 wiederum mit aufgesetzten Taschen und im Army-look), außerdem 3 Paar schwarze Stiefel, 4 Paar schwarze Halbschuhe, 37 Paar schwarze Socken, 2 schwarze Mäntel, 3 schwarze Anzüge, 2 schwarze Jackets, 3 schwarze Wollmützen, 2 schwarze Basecaps, 2 Paar schwarze Handschuhe, 1 schwarzen Regenschirm, 1 schwarzen Rucksack, 3 schwarze Gürteltaschen.

 

In meiner Wohnung befinden sich außerdem unter anderem: 2 schwarze Regale, 4 schwarze Beistelltische, 1 schwarzer Vorhang (1,5 x 3,0 Meter) eine schwarze Hifi Anlage, ein schwarzer Synthesizer, 5 schwarze Tischleuchten, 1 schwarzer Fernseher, 1 schwarzes Notebook, ca. 35 lfd. Meter schwarze Strom-, Audio- und PC-Kabel … und - ein schwarzer Hund (die Feli).

 

Bin ich linksextrem? Nein. Die Hilflosigkeit von Politik hat sich schon immer an der Absurdität ihrer Vorschläge messen lassen.

 

aus: Blogistiv 1.0 

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© Dietmar Haiduk 2019, Texte und Fotos